Spiel Nr. 161042 – ein Match mit viel italienischer Pasta

Spiel Nr. 161042 – ein Match mit viel italienischer Pasta


  • Allgemeines
  • 25.12.2017
  • 15:26

Ein Fussballspiel ist immer bloss das Vorspiel. Eigentlich ist die umfassende Analyse nach Schlusspfiff der Hauptzweck dieses Sports. Ein gefährlicher Rückpass, eine verpasste Chance, ein umstrittenes Foul an der Strafraumgrenze – auf dem Weg zurück in die Kabine, unter der Dusche und danach kann man darüber herrlich debattieren, streiten, kritisieren, zustimmen, eins trinken.

Seltsamerweise wird die Matchbetrachtung aus linguistischer Sicht, also die sprachwissenschaftliche Analyse eines Spiels, kaum gepflegt. Das ist schade, überaus schade. Denn sehr oft hat das auf dem Platz Gesprochene deutlich höheren Unterhaltungswert als das auf dem Platz Gespielte.

Mit der italienischen Pasta-Sorte "Linguini" hat dieser Beitrag übrigens nur bedingt zu tun, aber Hand aufs Herz, hätten Sie bei einer Überschrift wie "Spiel Nr. 161042 – Betrachtungen eines Amateur-Linguistikers" weitergelesen?

Bevor nun also das im FVRZ-Spiel Nr. 161042 Kommunizierte nachgelesen werden kann, seien vier doch recht tiefschürfende Erkenntnisse aus der Analyse vorweggenommen:

1. Um einer wichtigen Information Nachdruck zu verleihen, werden gewisse Dinge gerne doppelt geschrien, bspw. "gang, gang" oder "chömmet, chömmet" oder "use, use".

2. Es existiert bloss eine Aussageform, nämlich der Imperativ. Der Konjunktiv ist inexistent. Man hört also nie "es chönnt sii, dass Dini Aaweseheit da hinde erforderlich würd", und auch der Indikativ ist nicht zielführend, "da hinne staht en Gägespiller frei". Es ist konsequent und ohne Ausnahme immer die imperative Handlungsaufforderung an einen Kollegen, bspw. "hindere!". Das ist so klar wie kurz wie unmissverständlich.

3. Einiges wird abgekürzt, weil man als erfahrender Spieler den Sachverhalt natürlich bereits kennt. Es genügt bspw. "abenäh", was ja eigentlich im vollen Wortlaut heissen müsste: "häsch Ziit, es isch kein Gägner i de Nöchi, chasch de Bölle ruhig abenäh und Öppertem en gschiede Pass spille". Aber zugegeben, "abenäh" spart definitiv auch wichtige Luft.

4. Um einer ganz wesentlichen Information Nachdruck zu verleihen, wechselt man schon auch mal ins Hochdeutsche, bspw: "Schiedsrichter, Sperren ohne Ball!!!". Ob allerdings der Schiri deswegen eher pfeift, weil man in einem einfachen klaren deutschen Kurzsatz gesprochen hat, ist statistisch nicht erwiesen. Es darf zumindest bezweifelt werden.

Das bereits erwähnte Spiel Nr. 161042 fand an einem herrlichen Herbstsamstag auf sehr tiefem Terrain und ebensolchem Niveau statt. Sämtliche Dialoge auf dem Platz wurden dokumentiert, werden hier aber in stark verkürzter Form wiedergegeben. Der Grund ist einfach: Es wird zwar viel geredet auf dem Platz, aber mit fortschreitender Zeit eigentlich immer dasselbe. Dass aber Spieler über ein ganzes Spiel hinweg in der Lage sind, derart viel von sich zu geben (verbal, nicht läuferisch!), ist ein Mysterium, das ebenfalls verdient hätte, einmal Forschungsgegenstand zu werden.

"aaaah!" [Schmerz]
"chumm, chumm, chumm!" [dreifach-Wiederholungen gibt es vereinzelt auch]
"Überzahl, gang!"
"chömmet, hee!"
"det äne nützisch nüt mfall...!" [verklausulierter imperativer Indikativ?]
"Schiri, wächsle!"
"aaaah!" [Frustration]
"muesch!"
"dusse!"
"drihebbe!"
"guete Ball, guete Ball!"
"lueg anderi Siite!" [grammatikalisch betrachtet kein vollständiger Satz]
"muesch allei!" [noch so einer..., armes Deutsch]
"hey, hey, hey!"
"ufstah, wiiter gahts!"
"iiwäächsle, Chrigel!"
"ouuuuuh nei, eeeehrlich?"
"ruhig, abenäh, ru-u-u-u-u-hig!"
"wämmer de Bölle verlüüret, gahts subito zrugg!" [mal im Ernst, so was kann nur ein Goalie rufen]
"entgäge, gopf!"
"unglaublich!"
"chömmet, chömmet!"
"druf, druf!"
"chumm nomal!"
"gits ja gar nöd!" [indirekter Zusammenschiss nach verpasster Torchance]
"dusse!"
"gang, gang!"
"gopf, immer die schlächtischti Option!!!" [leicht genervter Mitspieler des Gegners. Im FCW natürlich tabu, seit alle Spieler den Ehrenkodex unterschrieben haben]
"jede Eine!" [ein Klassiker für Manndeckung bei Eckbällen]
"Schiri, wie lang no?" [noch 24 Minuten...]
"hät grauehaft weh ta mfall!"
"dänn channer ja use go ligge...."
"bin ja schon dusse, dumme Siech!"
"Offside!"
"Offside!!"
"Offside!!!"
"Offside!!!!"
"nei, nei, nei, nei, nei!"
"dammi!"
"nur eine, nur eine!"
"gang zrugg!"
"heeeee, scho dusse gsi!"
«Ball aaluege, Ball aaluege!"
"seckle, nöd schnurre!"
"super gsi hey!"
"Doppelpass!"
"hä?"
"Doppelpass......"
"gschnäller spille, dammi!"
"en Schritt use!"
"bim Maa bliibe!"
"mini Höchi, mini Höchi!" [nie intellektuell gemeint oder aufs Körpermass bezogen]
"jetzt vorwärts!"
"schön xii!"
"weiter geht’s!" [hochdeutsche Aufmunterungsphase]
"ja, aber hallo???"
"chumm, zeig di!"
"chasch di entschuldige mfall!"
"ey, nöd plötzli hässele!"
"chasch sie abenäh!" [sie: die Ball – eine Hommage an Thierry]
"clever sii, Jungs!"
"Schiri, jetzt git’s aber au die Gääl, oder?!!" [interessanterweise nicht in Hochdeutsch formuliert]
"wäg demit, eifach wäg demit!"
"schnäller mache, schnäller mache!"
"s’nägscht mal wächsel"
"bravo, d’Idee isch guet gsi!" [das war sie vielleicht tatsächlich, meist aber tröstend gemeint]
"mir spillet bis zum Unentschiede..."
"... so lang Ziit hämmer nöd mfall" [gelbwürdige Provokation oder liebenswerte Replik?]
"nomal use, heee-e-e-e-e!!"
"hey, hörsch uf, spinnsch eigentli?!"
"ich mach ja gar nüt!!?"
"chöömet, eine / eini / eis machemer no!" [grammatikalischer Grenzgänger: eis Goal, ei Chischte, ein Träffer – ob es hier regionale Sprachunterschiede gibt zwischen urbanen und ländlichen Clubs? Noch ein Forschungsthema!]
"Schri, pfiiff äntli ab!"
(Schri pfeift ab)
"Erlösig!"

Das Spiel Nr. 161042 zwischen FC Witikon/Neumünster Ü50 vs. FC Wetzikon Ü50 endete übrigens 6:1 an Toren. Es wurde also tatsächlich auch ein wenig Fussball gespielt.
(Beat Eberschweiler, FCW-Korrespondent, wegen einer Zerrung bereits ab der 3. Minute bloss noch teilnehmender Beobachter und vor allem Zuhörer des Spiels).

Nebenbei:
Es handelt sich bei den eingangs erwähnten "Linguini" um eine italienische, genauer campanische, etwa 4mm breite Pasta-Sorte, quasi flachgedrückte Spaghetti. Deshalb der Begriff "Linguini", dt. "kleine Zungen". Sie sind damit etymologisch mit der "Linguistik", der Sprachenlehre, durchaus verwandt.

Letzte Änderung am Montag, 25 Dezember 2017 16:36

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