Weshalb der Unterländer Fussball in der Krise steckt

Weshalb der Unterländer Fussball in der Krise steckt


  • Allgemeines
  • 25.10.2018
  • 07:27

Viele Vereine mit zumeist auch einer guten Infrastruktur: Das Unterland müsste im Zürcher Regionalfussball eigentlich eine starke Rolle spielen. Nur: Das Gegenteil ist der Fall. Regional-fussball.ch ist auf Spurensuche gegangen und hat sich bei ehemaligen und aktuellen Funktionären, Trainern und Spielern umgehört.

14 (mit den in Niederhasli stationierten Grasshoppers 15) Vereine gibt’s im Zürcher Unterland. Eine Region, die prosperiert und nicht zuletzt auch dank dem Flughafen wirtschaftlich stark ist. Im Jahre 1990 wohnten knapp 75'000 Personen in der Region, im Jahr 2017 waren es bereits 115'000 (7,6% der Wohnbevölkerung des Kantons Zürich).

Die Unterländer Fussballklubs meldeten im vergangenen Sommer im Männerfussball 33 Aktiv- und 235 Nachwuchsmannschaften. "Überflieger" ist der der FC Wallisellen mit 32 Teams, am Schluss dieser Tabelle findet man GSI Rümlang mit einem einzigen Aktivteam. Doch Vereinsgrösse bedeutet nicht gleichzeitig sportlich und wirtschaftlichen Erfolg.

Seit über acht Jahren kein Interregio-Fussball mehr
Im Zürcher Unterland wird hauptsächlich Breitenfussball angeboten und gespielt. Das letzte Unterländer Spiel in der interregionalen 2. Liga absolvierte der FC Bülach im Juni 2010. Seit nunmehr achteieinhalb Jahren gibt es im Unterland keinen Amateur-Spitzenfussball mehr.

Stilstudie Dario Galbarini.

In den fünf Jahren zuvor gab es mit dem FC Bassersdorf und dem FC Regensdorf noch zwei weitere Teams, die mindestens eine Meisterschaft in der Interregio bestritten.

Der Wiederaufstieg in die 2. Liga interregional war für den FC Regensdorf meist das erklärte Saisonziel. Im Frühling 2015 schien der Wunsch endlich in Erfüllung zu gehen. Der Klub aus dem Furttal beendete die Saison zwar auf Platz 2, aber die Amateurliga untersagte dem Ranglistenersten YF Juventus II die Promotion und rief Regensdorf zum Aufsteiger aus. Wenige Wochen danach entschied ein Gericht, dass die Unterländer doch nicht aufsteigen dürfen. Der Schock sass tief. Ein Jahr später war Regensdorf noch in der letzten Meisterschaftsrunde in den Abstiegskampf verwickelt.

Ein neues oder wiedererstarktes Spitzenteam ist kurz- oder mittelfristig nicht in Sicht. Aktuell sind es der FC Bassersdorf und der FC Regensdorf sowie der Aufsteiger FC Wallisellen, die ein Team in der regionalen 2. Liga stellen.

Alle anderen Vereine spielen mit mehr oder weniger Ambitionen in der 3. Liga (Bassersdorf II, Kloten, Embrach, Glattbrugg, Niederweningen, Rümlang, Rafzerfeld, Bülach) oder sogar in der 4. Liga (u.a. Dielsdorf, Oberglatt, Glattfelden).

In der 1. Liga kommen neun Mannschaften aus dem Kanton Zürich (total 48), also knapp 20%. In der interregionalen 2. Liga spielen noch 7 Mannschaften (total 84), also noch rund 8%.

In der regionalen 2. Liga kommen 3 Teams von 28 aus dem Zürcher Unterland, in der 3. Liga sind 8 von 72 Teams aus dem Unterland (je 11%).

Viele Teams, aber nur in den tiefen Ligen
In der 4. Liga spielen 16 von 121 Teams (13%). Im Verhältnis zur Wohnbevölkerung stellt das Unterland somit überproportional viele Teams in der 2., 3. und 4. Liga – aber im ambitionierten Amateurfussball ist das Unterland nicht vertreten.

Beim Juniorenfussball sieht die Situation nicht viel anders aus. Nur gerade 4% aller Teams der Coca-Cola Junior League und der Promotionsklasse der Kategorien A+/A, B und C sind im Unterland zuhause.

Die beiden 2.-Ligisten Bassersdorf und Regensdorf stellen in jeder Alterskategorie ein Team. Bülach, Embrach, Oberglatt und Glattbrugg jeweils zwei. Auffällig ist, dass die beiden "Grossklubs" Wallisellen und Kloten mit ihren tollen Infrastrukturen nur ein Team in der Promotionsklasse (Junioren C) haben.

Warum also "hinkt" der Unterländer Fussball sportlich den anderen Zürcher Regionen hinterher? Eine Umfrage bei ehemaligen und aktuellen Vereinsfunktionären, Trainern und Spielern zeigen Gründe für die aktuelle Situation auf.

Infrastrukturen
Grundsätzlich haben die Unterländer Vereine gute bis sehr gute Infrastrukturen. Die besten haben Regendorf und Kloten, die schlechteste Bülach, obwohl dort aktuell ein neues Garderobengebäude gebaut wird.

Der Stighag in Kloten.

Trainer wie auch Vereinsfunktionäre sind der Meinung, dass eine Top-Infrastruktur natürlich für die Organisation des Trainings- und Spielbetriebs hilfreich ist, vieles erleichtert, jedoch garantiert sie keinen sportlichen Erfolg. Hier muss die Qualität auf und neben dem Platz (Trainerstaff, Vereinsführung) stimmen. Man erinnere sich; Der FC Bülach spielte mit fast derselben Infrastruktur vor 20 Jahren in der 1. Liga.

Footeco/Grasshopper Club
Footeco mit seinem Standort im GC/Campus in Niederhasli, mitten im Unterland, ist für einen Teil der Vereine zum "Problem" geworden. Die Vereine verlieren regelmässig ihre talentiertesten Nachwuchskicker an den Grossverein – was ja der Idee der professionellen Nachwuchsarbeit des SFV entspricht.

Jedoch kehren diese Spieler, die den grossen Durchbruch nicht schafften, nicht automatisch mehr zu ihren "Heimatvereinen" in die 2., 3. oder 4. Liga zurück. Ihre Ausbildung ermöglicht es ihnen, Fussball in der 1. oder interregionalen 2. Liga zu spielen. Diese ehemaligen eigenen Spieler fehlen dann den Vereinen, um höhere sportliche Ziele zu erreichen.

Know-how, Strukturen und Engagement der Vereinsführungen
Das ist ein heikles Thema. Primär müssen heute alle Kicker heute dankbar sein, dass es in ihren Vereinen genügend Ehrenamtliche gibt, die, meist ohne Entschädigung, den Betrieb auf und neben den Fussballplatz sicherstellen.

Die Administration haben die Vereine durchwegs im Griff, jedoch fehlt es je länger je mehr am fussballerischen Know-how. Die Vereine werden häufig vom Schreibtisch aus verwaltet und geführt. Persönliche Kontakte, z.B. zu Trainern, Eltern, Spielern oder Supporter finden immer weniger statt.

Viele Vereinsfunktionäre sind heutzutage auch stark mit Tätigkeiten neben dem Fussballplatz absorbiert, so dass der sportliche Bereich vernachlässigt wird.

Der FC Bülach muss(te) beispielweise Jahre, ja Jahrzehnte lang viel Energie für zusätzliche Fussballplätze und Garderoben investieren. Auch der FC Embrach muss für den Aus-/Umbau seiner Infrastruktur (bspw. Neubau Garderobentrakt, Ersatz Lichtmasten) oder die Anschaffung eines neuen Rasenmähers viel Zeit und vor allem viel Geld auftreiben.

Zu benachbarten Vereinen bestehen ebenfalls nur geringe Kontakte. Alle Befragten bestätigen die Tatsache, dass ein "Gärtchendenken" vorhanden ist. Das ist kein Vorwurf an die Betroffenen, sondern einfach Tatsache, weil die Vorstände genug mit dem eigenen ihrem Verein beschäftigt sind. Es bleibt so (fast) keine Zeit, um "über den Zaun" zu schauen oder sich mit anderen Klubs auszutauschen.

Ganz wichtig ist auch die Kommunikation innerhalb, aber auch ausserhalb der Vereine. Die elektronischen und sozialen Medien haben in den letzten Jahren Vieles verändert. Der Mannschafts-Chat hat das Bier nach dem Training abgelöst. Vieles wurde dadurch zwar vereinfacht, aber einiges auch anspruchsvoller für die involvierten Personen.

"4-Augen-Gespräche" nehmen immer mehr ab, der Informationsfluss, ob wichtig oder nicht, nimmt stark zu. Jeder Sender oder Empfänger muss ständig über die Wichtigkeit entscheiden – und da gibt es natürlich einen grossen Spielraum. Immer das richtige zu machen, ist eine grosse und schwierige Aufgabe.

Erfolgreiche Amateur-Fussballvereine haben einen Werbe- und Marketingprofi engagiert. Sie akquirieren neue Geldgeber, pflegen und betreuen sie konstant. Machen die Vereinssupporter/-sponsoren bei Wunsch öffentlich bekannt, berücksichtigen sie bei Einkäufen oder Reparaturen der Infrastruktur.

Bei den Unterländer Vereinen fehlt es an einem aktiven Spieler- und Trainerscouting. Für ambitionierte Amateurvereine ist das heutzutage unverzichtbar.

Viele langjährige und erfolgreiche Fussballer bleiben nach ihrer Fussballerkarriere einem Engagement im Verein fern. Sie geniessen nach den vielen Jahren mit 3 bis 4 Trainings pro Woche und einem Wochenendspiel die neu gewonnene Freizeit. Beruf und Familie verlangen immer mehr Zeit und Flexibilität. Die freie Zeit will man nicht oder nur noch sehr reduziert einem Vorstands-, Funktionärs- oder Trainerjob opfern.

Know-how der Trainer und Ausbildner
Die Statistik lügt nicht. Die Resultate der Unterländer Nachwuchsteams sind unterdurchschnittlich.

Grossvereine der Region fokussieren sich primär auf die Aufrechterhaltung ihrer vielen Nachwuchsmannschaften. Quantität steht an erster Stelle. Das hat zur Folge, dass man nebst den ausgebildeten TrainerInnen auch "BetreuerInnen" benötigt, meistens in Form von Eltern oder Geschwistern. Dadurch leidet die qualitative Ausbildung auf dem Rasen. Immer wieder sieht man Juniorentrainings, die nur teilweise oder gar nicht dem Ausbildungskonzept des SFV entsprechen.

Noch immer wird in einem Vereinsbudget am meisten Geld für das Fanionteam ausgegeben. Juniorentrainer verdienen oft "ein Trinkgeld", im Gegenzug erhalten 2.- und 3.-Liga-Trainer eine monatliche Entschädigung von Fr. 1000.– und mehr.

Sinnvoller und vor allem nachhaltiger wäre es wohl, diese Mittel grosszügig in die Nachwuchsabteilung zu verschieben, um die grossen Engagements der vielen Juniorentrainer fair zu entlöhnen.

Ein FC Unterland in der 1. Liga?
Im Unterland wird hauptsächlich Breitenfussball praktiziert. Zuschauer sind häufig aktive und alteingesessene Vereinsmitglieder, aber auch Bekannte oder Verwandte der Spieler. Fussballinteressierte Personen von ausserhalb einer Gemeinde sieht man nicht oft an den Heimspielen der 2.-, 3.- und 4.-Liga-Teams.

Ist es überhaupt von Interesse, ein regionales 1.-Liga-Team zu haben? Die Meinungen sind gemacht: Ja! Eine Mannschaft in solch einer Liga würde mit Bestimmtheit die Aufmerksamkeit in der Region wecken! Sie wäre ein "Magnet" für Spieler, Zuschauer und Sponsoren.

Die Spieler, Mentalität und Engagement
In den letzten Jahren hat sich in den unten Fussballligen eine sogenannte "Fitness-Center-Mentalität" eingeschlichen. Die Spieler kommen und gehen, wie es ihnen gerade passt. Sie gehen dorthin, wo es "etwas" gratis gibt oder wo sie nichts oder wenig bezahlen müssen.

Wird ein Spieler zweimal an einem Meisterschaftsspiel nicht eingesetzt, muss damit gerechnet werden, dass dieser beim nächsten Training "die Tasche abgibt".

Job, Ausbildung, Familie und andere Freizeitaktivitäten gehen vielfach dem Fussball vor. Spieler schliessen sich lieber einem 3.- oder 4.-Liga-Team an, damit sie alles unter einen Hut bringen.

Das ist für die Trainer heutzutage sehr anspruchsvoll und auf die Dauer auch ermüdend. Sie müssen akzeptieren, dass regelmässig Spieler in den Trainings und an Spielen fehlen. Dadurch entstanden in den letzten Jahren auch die riesigen Kader der Mannschaften (bis zu 25 Spieler!).

Wer von den Unterländer Vereinen hätte die besten Voraussetzungen für ein 1.-Liga-Team? Was wird benötigt?
Aufgrund der Vergangenheit und dem entsprechendem Know-how der FC Regensdorf, der FC Bassersdorf und der FC Bülach. Betrachtet man die vorhandenen Infrastrukturen, sind es der FC Kloten, der FC Wallisellen und der FC Regensdorf.

Es gibt immer noch Präsidenten, die davon träumen, mit eigenen Junioren in die 2. Liga oder höher aufzusteigen – das ist heutzutage, gemäss einem ehemaligen Unterländer 3.-Liga-Trainer, eine Illusion. Das ist praktisch nicht möglich. Selbst langjährige CCJL-Junioren schaffen den Sprung in die 2. Liga oder höher selten. In diesen Mannschaften sind viele ehemalige U-14/-16/-18- Spieler der Grossvereine engagiert.

Im Zürcher Fussball sind und waren seit vielen Jahren immer dieselben Vereine in diesen Ligen vertreten (Blue Stars, Red Star, Seefeld, Seuzach, Uster, YF Juventus, Dietikon, Dübendorf, Höngg usw.). Diese und haben dadurch ihren Status faktisch zementiert.

Ein Verein, der nachhaltig neu in der 1. oder 2. Liga mitspielen will, hat es enorm schwer. Er braucht viel Geld und Funktionäre mit viel Erfahrung sowie ein gutes Beziehungsnetz.

Erfahrene Unterländer Vereinsfunktionäre schätzen die Totalausgaben für ein 2.-Liga-Team auf rund Fr. 50'000.– pro Jahr. Eine Saison in der interregionalen 2. Liga kostet bereits zwischen 75'000.– und 100'000.–. Ein 1.-Liga-Team verschlingt bis zu Fr. 250'000.– pro Jahr.

Wer erinnert sich da nicht an den "Highflyer" FC United Zürich? Mit viel Geld wurde der frühere Fussballklub Fenerbace Zürich von der 4. Liga bis in die Promotion League gepusht. Man wollte sogar Schweizer Meister werden. Nun sind die finanziellen Mittel spürbar geringer und die sportliche Abwärtsspirale kann momentan nicht gestoppt werden (das Team ist zurzeit Tabellenletzter in der 1. Liga, 11 Spiele und 1 Punkt).

Fazit
Der Unterländer Fussball hat den Anschluss an die Spitze des Amateurfussballs vorübergehend (temporär) verloren. Ausschlaggebend sind verschiedene Gründe, die von Verein zu Verein unterschiedlich sind. Bei allen Vereinen gilt aber; mehr "Fachleute" und mehr Geldgeber wären sehr willkommen und würden damit einen sportlichen Aufstieg beschleunigen.

In der aktuellen Saison sieht es in der 2. Liga so aus, als würde erneut kein Unterländer Team die Promotion in die interregionale 2. Liga schaffen. Der FC Bassersdorf, als bestklassiertes Unterländer Team, belegt zwar derzeit den 2. Tabellenrang, jedoch schon mit grossem Rückstand auf Phönix Seen. Und das aktuell erfolgreichste Unterländer Nachwuchsteam in der Coca-Cola Junior League stellt der FC Bülach mit ihren B-Junioren.

Man darf also gespannt sein, wie lange es dauert, bis ein Unterländer Verein wieder einmal ein interregionales 2.-Liga-Spiel austragen kann. (ga)

Unterländer Klubs in der Interregio:
FC Bülach: 2000 - 2002, 2003 - 2010
FC Regensdorf: 2000 - 2005, 2006 - 2008
FC Bassersdorf: 2007/08

Als letzter Klub aus der Region spielte der FC Bülach bis 1998 vier Jahre lange in der 1. Liga.

Letzte Änderung am Freitag, 26 Oktober 2018 11:36

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