Kleine Änderung – grosse Auswirkungen

Kleine Änderung – grosse Auswirkungen


  • Sokies Analyse
  • 07.08.2018
  • 07:21

Ab der neuen Saison sind auch in den höheren Amateurligen mehr Wechsel pro Spiel möglich. Eine Regeländerung, die Sinn macht? Für unseren Analysten und Trainer Sokol Maliqi überwiegen die Vorteile.

Schnelle Entscheidungen unter Druck zu treffen – um nichts anderes geht es im Fussball. Ein Fussballspieler sieht sich immer höheren Anforderungen gestellt, denn das Spiel entwickelt sich stets weiter. Deshalb ist es wichtig, dass dabei die Regeln diesbezüglich Schritt halten.

Der russische Coach Stanislaw Tschertschessow vollzog seine dritte und vermeintlich letzte Auswechslung im WM-Achtelfinal Spiel Russland gegen Spanien zehn Minuten vor einer möglichen Verlängerung. Erstaunt fragte ich mich – was denkt er sich nur dabei? Als der Kommentator zwei Minuten später die neue Regeländerung (4. Auswechslungen in der Verlängerung) bekannt gab, war ich positiv überrascht. Es war mir sofort klar, dass es das Niveau des Spiels nochmals verbessern kann und den Handlungsspielraum des Trainers vergrössert.

Wo sind die Vorteile für den Trainer?
Die Regeländerung ist auch bei uns angekommen. Von nun an darf von der Challenge League hin bis zur 2. Liga Interregional viermal bereits in der regulären Spielzeit auswechselt werden. Worin also bestehen aus Sicht des Trainers die Vorteile?

Wenn ich vor einem Spiel über die Aufstellung nachdenke, dann habe ich einen festen Grundsatz. Ich will mit den elf Spielern, die beginnen, das Spiel auch zu Ende führen. Das bedeutet die gesamte Startformation hat für 90 Minuten ausreichend Luft, damit ich taktisch, formtechnisch und spielbezogen auswechseln kann.

Wer im Amateur- und Breitenfussball tätig ist, weiss, dass dies eher Wunschdenken als realitätsgetreu ist. Laufend sieht sich der Coach mit Fitnessproblemen aufgrund vieler Abwesenheiten bzw. Verletzungen konfrontiert. Mangels gleichwertiger Alternativen müssen die Trainer dementsprechend Kompromisse eingehen. Die 4. Auswechslungsmöglichkeit wird diese Situation ein wenig entspannen.

Für den Teamgeist eine tolle Sache
Nutze ich als Trainer mit dem FC Uzwil das volle Auswechselkontingent, dann habe ich Ende Saison 26 Spieler mehr eingesetzt. Für den Teamgeist eine tolle Sache. Erreicht ein Spieler nicht das gewünschte Niveau, kann ich ihm bereits schon zur Halbzeit auswechseln, verfüge dabei aber immer noch über drei Auswechslungen.

Für verletzungsanfällige oder müde Spieler ist es ebenfalls eine Option mehr, weil ich den vierten Wechsel aufsparen kann für einen Spieler, der zum Beispiel kurz vor Schluss unter Krämpfen leidet.

Mit dem FC Uzwil habe ich in der letzten Rückrunde zweimal einen eingewechselten Spieler wieder ausgewechselt und somit ein kleines Tabu gebrochen. Im Prinzip einen Wechsel hergeschenkt, doch die Leistung der jeweiligen Spieler liess keine andere Entscheidung zu, wollte ich das Resultat nicht gefährden.

Mehr Druck auf die Einwechselspieler
Die 4. Auswechslung erhöht nun den Druck auch auf die Einwechselspieler. Sie können sich nicht mehr sicher sein, nicht doch wieder ausgewechselt zu werden. Zumindest bei mir. Ein Spieler, der neu in eine Partie kommt, sollte der Mannschaft etwas Zusätzliches geben und nicht das Niveau senken, sonst macht ein Wechsel keinen Sinn.

Ich habe nun Ideen konzipiert, wonach ich einen Zweifach- oder sogar einen Dreifachwechsel vornehmen kann. Z.B. die komplette Offensive auswechseln. Kein normaler Trainer wechselt freiwillig die Verteidigung aus. Somit können drei frische und schnelle Offensivspieler mehr Druck auf vier müde Verteidiger erzeugen als bisher.

Einen eventuellen Nachteil sehe ich bei einem allfälligen knappen Rückstand während der gegnerische Trainer gleichzeitig ab der 80. Minute viermal auswechselt. Ich hoffe die Schiedsrichter werden sensibilisiert ein mögliches Zeitspiel zu unterbinden oder es dann in der Nachspielzeit zu kompensieren.

Meine Aufgabe ist es nun, das Team und jeden Einzelnen auf diese verschiedene Situationen vorzubereiten. Ich bin sehr gespannt wie es kommt und begrüsse diese Regeländerung "regelrecht".

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Der in Zürich-Schwamendingen aufgewachsene Sokol Maliqi (36) spielte als Fussballprofi u.a. beim FC Luzern, APEP Pitisilia (Zyp), FC Vaduz und FC Wil. Als Trainer war er die letzten Jahre für den FC Schwamendingen, FC Dübendorf und FC Gossau ZH tätig. Seit der Rückrunde der Saison 2017/18 betreut Maliqi den Interregio-Klub Uzwil.

Letzte Änderung am Dienstag, 07 August 2018 10:28

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