Dem Tätowierungswahn verfallen

Dem Tätowierungswahn verfallen


  • Grottenkick
  • 11.07.2014
  • 10:10

Viele Fussballer sind gebrandmarkt für immer und ewig. Daher: Wird der WM-Pokal 2014 am Sonntag durch tätowierte Arme in die Höhe gestemmt? Die Chancen sind gross.

Sie endet am Sonntag, 13. Juli 2014. 76'804 Zuschauer werden das Estadio Maracana in Rio De Janeiro bis auf den letzten Platz gefüllt haben. Auch die Copacabana wird pumpenvoll sein, wie wohl einige ihre Besucher. Public Viewing – das Ende naht.

Wer wird Nachfolger des bereits ausgeschiedenen Titelhalters des Jahres 2010. Spanien holte sich den WM Pokal in Südafrika. Am 11. Juni, mitten im südafrikanischen Winter, bezwang Spanien in der Verlängerung die Niederlande 1:0 (Iniesta, 116.).

Am 13. Juli 2014 ist Schluss mit 64 WM-Spielen. Bis dann sind sie wieder geboren. Die Legenden. Die unvergesslichen Momente. Die dramatischen Szenen, die atemstockenden Augenblicke, die geistigen Aussetzer, die unbeschreiblichen Glücksmomente, die geistige Leere, die totale Niedergeschlagenheit. Wer gewinnt, der hebt ab, der fliegt. Wer verliert bleibt am Boden, ausgepumpt und fühlt von Glückgöttin Fortuna total verraten und verlassen.

Es bleiben die Erinnerungen. Stückweise. Spielszenen, die phantastisch-, Aktionen, die schlicht nur zum Vergessen waren. Resultate die man x-Mal lesen, hören will, weil sie einfach den Erfolg bestätigen. Niederlagen, die man schnellstmöglich aus dem Hirn streichen will. Ritsch-ratsch – Tipp ex-Maus.

Einer wird den Pokal in die Höhe stemmen können. Gefeiert wird der Sieger. Der olympische Gedanke ist nur eine Floskel. Mitmachen ist wichtiger als Siegen? Von wegen. Was zählt in der heutigen Gesellschaft ein ehrenvoller zweiter Rang?

Der Zweite ist doch nur der erste Verlierer und wer will schon als Gescheiterter betrachtet werden. Umjubelt wird der Gewinner. Auf Händen und Achseln getragen werden die Helden am 13. Juli durchs Maracana geschleppt. Grenzenlose Freude bei der Siegreichen – endlose Leere bei dem kaum beachteten Verlierer.

64 Spiele entzückten die Zuschauer rund um den Globus und vielleicht gar im Erdorbit. Vermutlich hat auch die Besatzung der ISS 416 Kilometer über dem Boden den einen oder anderen Match wenigstens auszugsweise mitverfolgt.

64 Partien, in denen wieder Legenden entstanden. 64 Begegnungen zweier Lager, in denen am Mythos der schönsten Tore, der langweiligsten Spiele, der emotionalsten Augenblicke, der künstlerischsten Balljoungleure, der brutalsten Fouls, der verbissensten Zweikämpfe im wörtlichen Sinn, gearbeitet wurde.

Der Fussballsport hat sich stark gewandelt. Ist noch schneller und dynamischer, teils aber auch härter geworden. Auch die Hauptakteure, die Spieler selbst haben sich stark gewandelt. Aufgefallen ist, dass es heute kaum mehr Fussballer ohne Tätowierungen gibt. Ein Modetrend hat sich durchgesetzt. Wer will schon nicht mit der Zeit gehen.

"Nur wer den Mut zum Träumen hat, hat auch die Kraft zu kämpfen"

Wenn sich im Duell zweiter Spieler die Akteure in den Himmel schrauben, wenn Luftkampf, nein, nicht die Schlacht um England, ihre Neuauflage erfährt, fliegen mit unter auch die Hände. Tätowierte Arme und Ellbogen suchen sich den Weg und finden, bewusst, per Zufall, aus reiner Absicht das gegnerische Gesicht als Ziel. "Was Foulspiel? Ich doch nicht". Unschuldsmimik hüben und drüben. Unübersehbar sind sie schon. Die tätowierten Unterarme, Nacken, Achselpartien.

"Mitleid bekommt man geschenkt. Neid muss man sich verdienen"

Sujets, Motive, Namen, Aussagen. Alles gilt. Auffallen um jeden Preis. Ein Tattoo muss her. Was heisst eines. Zwei oder noch mehr. So viel wie auf dem Körper auch immer nur Platz hat. Tätowieren ist Kult. Namen die Rückschlüsse auf Partnerschaften zulassen sind eher heikel. Nichts ist so vergänglich wie die Gegenwart. Bricht eine Beziehung, die Erinnerung an die Verflossene wird man als Tattoo sein Leben lang mit sich schleppen.

Hält die aktuelle Verbindung ist es jedoch der grösste Liebesbeweis an seine Partnerin. Dumm nur, wenn man David Beckham heisst und dessen Tätowierer 'Becks' Auserwählte nicht persönlich kannte und auch nicht wusste wie man ihren Namen richtig schreibt. So soll Beckham mit nun fortan mit dem orthographischen Fehler „Vhictoria“ durch die Gegend stolpern. Sorry, falsch und dumm gelaufen. Inzwischen hat sich Beckham weiter entwickelt. Nebst Sternsymbolen zieren nun auch Bibelsymbole und die Namen seiner Kinder seinen Körper.

"Mensch werden ist eine Kunst"

Pleiten – Pech und Pannen. Wehe, denn der Stecher patzt, oder der Auftraggeber ein Kurzzeitgedächtnis hat. Mladen Petric habe sich einen Engel mit Pfeil und Bogen stechen lassen. Die Vollendung des Kunstwerkes auf dem Oberarm soll zehn Stunden gedauert haben. Was ist da schon ein normales Fussballspiel über 90 Minuten. Nasenwasser.

Warum hat der ex-Basler nicht Wilhelm Tell gewählt, der hatte auch einen Pfeil und Bogen. Dazu wäre dann noch ein Apfel gekommen. Hatte Petric einfach zu wenig Mukis, schlicht zu wenig Platz? Der soll sich auch einen Anker tätowiert haben, als Erinnerung als seine Zeit in Hamburg. Schade, gab es während seiner Zugehörigkeit beim Grasshopper-Club, für den Petric 114 Mal antrat, den Hafenkran noch nicht. Hafenkäse auf nackter Haut.

"Siege – aber triumphiere nicht"

Apropos HSV. Eljero Elia, Hamburgs Offensivspieler setzte auch ein Zeichen und liess sich den ganzen Oberkörper tätowieren, ebenfalls mit Engelsfigur und Name seiner Tochter Sael. Doppeltes Kunststück. Endlich kann man vermuten, warm der HSV abgestiegen ist. Die Spieler verbrachten ihre Zeit mehr im Tattoo-Studio als auf dem Trainingsplatz. Engel hilf – dass ich triff. Aberglaube pur? Inzwischen haben sich Psychologen und Sportsoziologen mit dem Phänomen "Fussballer-Tattoos" auseinander gesetzt. Im Fachjargon heisst das dann etwas so: 'Tätowierungen helfen den Sportlern, ihre individuelle Identität fest zu legen'.

"Fantasie ist das Auge der Seele"

Das Ganze ist eh nur ein Mode-Gag. Bereits früher wurden Menschen gebrandmarkt. Das Branding ist keine Erfindung der Neuzeit. Soldaten im 17. Jahrhundert, später die Sklaven, viele machten die Bekanntschaft mit dem Brennstab. Früher als Leibstrafe im Mittelalter gehandhabt, soll gar die Dauer der Folter und der Druck des glühend heissen Eisens eine entscheidende Rolle gespielt haben. So zwischen 3359 bis 3105 vor Christus soll sich ein Mann (vielleicht von Innsbruck nach Verona nach einem Fussballtransfer?) im Hauslabjoch verirrt haben.

Am 19. September 1991 wurde der Mann gefunden und erlangte Weltberühmtheit als die Mumie von Similaun, oder noch bekannter als der Ötzi. Akribische Untersuchungen ergaben scheinbar nun, dass Ötzi zu seiner Lebenszeit mit 50 Einzeltätowierungen im Lendenbereich, am rechten Fussknöchel und hinter dem rechten Fuss ausgestattet gewesen sein soll.

"Nicht den Tod sollte man fürchten, sondern dass man die beginnen wird zu leben"

Zuchtbrand existiert heute noch. Die Rancher im Wilden Westen kennzeichneten damit ihre Pferde und Küche. Brandzeichen wurden meist auf der linken Hinterhand angebracht um den Besitzer der Tiere zu identifizieren. Wehe den Tierdieben. Darauf stand die Todesstrafe. Der Schenkelbrand bei Tieren ist umstritten, weil er bei Fohlen Verbrennungen dritten Grades verursachen kann. Tätowieren ist ähnlich. Das erfuhr auch Werder Spieler Elia. Eine Infektion zwang den Holländer nach einem Gang ins Tattoo-Studio und dem anschliessenden Stechen eines neuen Tattoos zu einer Pause während der Saison (2010/11).

Tätowieren. Da wird der Knabe zum Manne gemacht. Nur wer Eier hat, der lässt sich stechen. Nicht nur einmal, diskret und nur klein. Nein! Gleich mehrfach und je grösser je beeindruckender. Auffallen um jeden Preis. Wenn es schon mit der Technik am Ball nicht klappen will, dann wenigstens beim Aussehen.

"Es sind die Augenblicke die zählen, nicht die Dinge"

Fussballer sind abergläubisch und eitel. Fussballer wollen auffallen. Wenn nicht im Spiel mit dem Ball, dann anders im Brennpunkt des Geschehens stehen. Wer gefoult wird, versucht sich möglichst lange und so oft wie möglich auf dem Rasen zu wälzen. Vierfach-Rolle gibt bessere Stilnoten, beeinflusst den Schiedsrichter, rüttelt den eigenen Anhang auf. Besagte Tattoos können den Gegner einschüchtern. Sieh her – ich habe das Tattoo-Studio überlebt, die stundenlagen Schmerzen voll ertragen. Hau mir in den Fuss – das steck ich doch locker weg und ohne mit der Wimper zu zucken.

Eitelkeit fängt schon in der Garderobe an. In zwei Minuten sind die Schuhe geschnürt. Erst links, dann rechts. Der Andere machte es rituell lieber umgekehrt. Aber immer und vor dem Training und Spiel nach gleichem Schema. Ja nicht aus dem eingespielten Rhythmus fallen. Dann zehn Minuten vor dem Spiegel. Top. Die Frisur sitzt. Da noch ein Härchen an seinen Platz, da noch etwas den Büschel gerichtet. Die Haarpracht muss dem weiblichen Publikum gefallen.

"Das Wunderbarste, was du je lernen wirst, ist zu lieben und wieder geliebt zu werden"

Kaum ein Fussballer spielt heute nicht mehr ohne Tattoos. Je grösser, je auffälliger und mögen die fussballerischen Fähigkeiten limitierter und beschränkter sein. So brennt man sich in die Hirne des Publikums. Für immer und ewig.

Bei den Deutschen fällt Jerome Boateng die lebendige Liftfasssäule auf. 21 Namen aus dem Stammbaum seiner Familie zieren seinen Rücken und weiter geht’s wo noch freier Platz ist, wie Ober- und Unterarm. So mit dem Spruch: ‚Nur Gott kann über mich richten‘. Neymar da Silva Santos Júnior, trägt ein auffälliges Hals-Tattoo. Der holländische Mittelfeldspieler Nigel de Jong hat aus seiner Perspektive gottseidank lange Arme und Hände. Alles ausgeschmückt mit bleibenden Erinnerungen.

"Sei du selbst die Veränderung, die du dir für die Welt wünschst"

Auch die Franzosen sind dem Tätowieren verfallen. Djibri Cissés Körper ist übersät von den verschiedensten Mustern, Symbolen und auch Mathieu Debuchy hat scheinbar bereits mehrere Stunden im Stech-Studio verbracht. Tattoos sollen Beweis und Ausdruck von Manneskraft sein. "Wer meinen mit Brandzeichen markierten Hengst klaut, wird erschossen oder gelyncht", so das Gesetz im Wilden West.

Bei Wikipedia ist das Tätowieren wie folgt umschrieben: 'In der heutigen Zeit dienen Tätowierungen auch als Ausdrucksmöglichkeit für Exklusivität, Selbstdarstellung, Geltungssucht und Abgrenzung, weiterhin auch als Mittel zur Verstärkung sexueller Reize, Schmuck, Protest und nicht zuletzt in der politischen Stellungnahme'. Die dunkelsten Kapitel des Tätowierens seien an dieser Stelle nicht erwähnt.

Abschliessend noch ein kleines Tattoo-Gedicht eines unbekannten Verfassers:

Ein Tattoo ist schnell gemacht,
doch lieber vorher nachgedacht!
Erstmal sollte man sich fragen:
"Wo gibt es die Tattoo-Vorlagen?".
Ja die Motiv-Wahl ist ganz wichtig,
nur so wird’s mit dem Tattoo richtig.
Denn wenn die Farbe erst mal sitzt,
quasi tief in die Haut geritzt,
dann sind die Änderungen schwer
und schlauer ist man hinterher.

Wer weiss, vielleicht wird der WM-Pokal 2014 durch einen tätowierten Arm in die Höhe gestemmt. Die Chancen, weil viele Fussballer eben gebrandmarkt für immer und ewig sind, ist riesengross.

Heinz Minder (61), berichtet seit über 35 Jahren aus dem Amateurfussball mit Schwerpunkt Region Zürcher Oberland und Winterthur und im gleichen Zeitraum über Regional-Eishockey (Zürcher Oberland). Arbeitet hauptberuflich als Luftfracht-Agent in Logistikunternehmen und ist zuständig für Formel-1-Überseetransporte.

Letzte Änderung am Montag, 09 Februar 2015 09:29

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