Wir sind Pokal - oder als Töss Jogi verpflichten wollte

Wir sind Pokal - oder als Töss Jogi verpflichten wollte


  • Grottenkick
  • 18.07.2014
  • 10:10

Das war‘s dann. Aus – und vorbei. Die Fussball-WM 2014 gehört der Vergangenheit an. Existiert nur noch bei den Statistikern. Argentinien – gescheitert, nur Zweiter. Deutschland – Erster – nach 1954, 1974 und 1997 nun zum vierten Mal. Wir sind Pokal.

Blitz und Donner in Belo Horizonte
Der bisherige Rekordhalter Brasilien mit fünf Titeln ist vorzeitig auf der Strecke geblieben. Ausgerechnet im eigenen Land. Hat den sportlichen Triumpf nicht vollziehen können. Oh, welche Schmach. Der 8. Juli geht in die Fussball-Geschichte Brasiliens ein. Halbfinale gegen Deutschland. Ausgerechnet Belo Horizonte – nein, schön war der Horizont gar nicht. Eher dunkelschwarz und wolkenverhangen. Auf dem Platz gab es erst eine eiskalte Dusche.

Das Unheil begann früh. Elfte Minute – Müller 0:1 Rückstand. Das Doppelpack: Klose und Kroos fast im Minutentakt. Nach 24 Minuten war‘s praktisch vorbei. Brasilien geschockt – 26. Minute der nächste Tiefschlag. 0:4 und vor Ablauf der ersten halben Stunde 0:5 durch Khedira.

Spiel und Ehre verloren
Gott – Hilf – schenk mir ein Mauseloch in welches ich mich verkriechen kann. 1:7-Klatsche und in der Garderobe entlud sich dann das Gewitter erst recht. Blitz und Donner in Belo Horizonte. Eine Nation versank im Elend. Die Hoffnung, vor heimischer Kulisse zum sechsten Mal nach dem Pokal greifen zu können – zerplatzt vor 58141 Zuschauer. Die Meisten natürlich Einheimische. Deklassiert – vorgeführt – Aus die Maus – und nach Haus. Gut, die Heimreise war kurz, das Spiessrutenlaufen nicht lange.

Doch nicht nur das Spiel ging verloren, nein auch die Ehre einer ganzen Nation. Brasiliens Volks-und Nationalsport Nummer Eins – der Fussball – hoch geschätzt und verehrt. Eine Nation weinte. Tränen flossen in jener Nacht des 8. Juli. Die Iguazu Wasserfälle führten plötzlich Hochwasser. Brasiliens Fussball brachte sie heraus. Die Stars: Pele, Garrincha, Zico, Romario, Ronaldo, Ronaldinho und Kaka – sie alle hätten sich am liebsten zum kollektiven Versinken in den Boden vereint.

Kollektive Schockstarre
203 Millionen Menschen – so viel und vielleicht noch mehr, soll das fünftgrösste Land der Welt beherbergen. 203 Millionen Menschen verfielen am 8. Juli in Schockstarre. Diese endete nicht 24 Stunden nach dem Spiel – diese hält an, stunden-, Wochen-, Monate, ja wohl Jahrelang. Eine Fussball-Nation ist paralysiert. Deutschland hat den hoch gejubelten Favorit auf dessen Boden noch dazu besiegt, gedemütigt.

Vergessen können die Brasilianer, die acht Mal die Copa América gewannen, das Passierte immer noch nicht. Die fleissigen Deutschen treiben die Wirtschaft an. Therapeuten haben in Brasilien Hochkonjunktur. Deutsche als Kopfgeldjäger – Brasiliens Coach Luis Felip Scolari überlebte das WM-Debakel nicht.

Erst gefeiert – nun gefeuert. 20 Monate übte Scolari seinen Job aus. In seiner Ära (20 Monate) trug Brasilien 29 Länderspiele aus und gewann davon deren 19. Hinzu kamen sechs Unentschieden, aber auch vier Niederlagen. Eine davon war zu viel. Heute top – morgen Flop. Das Aus kam schnell, urplötzlich und fast ohne Ansage. Brasiliens Köpfe rollen forderte ein erstes Opfer. Wir sind Pokal.

Gebrüder Grimm erwacht
Jakob und Wilhelm Grimm lebten im deutschen Hanau. Die Gebrüder Grimm schrieben unzählige Kinder- und Hausmärchen. Die deutsche Fussballnationalmannschaft schrieb 2014 in Brasilien ein neues Sport-Märchen. Sie zogen aus, angeführt von Jogi – gleichnamig mit Yogi, der einst im Jellystone Park sein Unwesen trieb und die Picknick-Körbe der Parkbesucher plünderte. Der Deutsche Jogi geriet im Vorfeld der WM2014 unter Druck. Manche und Voreilige, die chronisch notorischen Besserwisser forderten seinen Kopf, noch bevor die WM richtig losging. Nachträglich wussten es doch alle, was in ihm steckt. Wir sind Pokal.

Töss wollte Jogi verpflichten
Der Zweitligist Töss wollte Jogi einst als Trainer verpflichten. Jogi begann seiner Trainerkarriere beim FC Winterthur – im Nachwuchs – U-13 - wo er sich mit Boo Boo rum schlagen musste, gleichzeitig noch in der ersten Mannschaft (damals noch Nationalliga B genannt) spielte. Die Tössemer Offerte vom heutigen Ehrenpräsident Eugen Müller schlug Jogi aus und wechselte zu Frauenfeld. Der Aufstieg des späteren und heutigen deutschen Bundestrainers begann. Wir haben es alles doch alle gewusst – aus dem wird mal was. Wir sind Pokal.

Putin nächster Gastgeber
Jogis-Truppe stürmte in Brasilien, ungebremst im Hochgeschwindigkeitswahn wie auf einer deutschen Autobahn und eroberte sich die Herzen einer Nation. Auch Angele Merkel wurde infiziert. Die Deutsche Bundeskanzlerin reiste nach Brasilien, schüttelte Hände, besuchte das Team und sprach Durchhalteparolen aus. Neben ihr auf der Tribüne sass Fifa-Boss Sepp Blatter, so quasi als Puffer zu Vladimir Putin, der links von Blatter sass.

Ja, den Putin haben die Europäer verstossen, aus der G8 wurde die G7. Vladimir-ein Feld zurück. Sein Verhalten in der Krimkrise passten den übrigen Mitgliedern der bedeutendsten Industrienationen der Welt nicht mehr. Putin kassierte für sein Foul nicht Gelb, sondern sah gleich Rot. Abmarsch, weg vom Feld. Wir sind Pokal. Doch Putin hat sich nicht verzogen. Sitzt die Krise aus und weiss. Alle werden wieder zu Kreuze kriechen.

Bei der nächsten Fussball-Weltmeisterschaft 2018 ist er wieder der Hausherr. Der 21. FIFA-World-Cup findet vom 8. Juni bis 8. Juli in Russland statt. Herzlich Willkommen in Jekaterinburg, Kaliningrad, Kasan, Nischni Nowgorod, Moskau, Samara, Saransk, Sotschi, Wolograd und Sankt Petersburg. Bis dahin werden sich die europäischen Gemüter wohl beruhigt haben. Putin mit versteinertem Pokerface liess Bundeskanzlerin Merkel links sitzen. Nastrovje. Man(n) und Frau sehen sich, spätestens in vier Jahren.

Nationalstolz erwacht
Deutschland hat gewonnen. Wie von einigen befürchtet, von anderen erwartet und einer Nation erhofft und ersehnt. Der deutsche Nationalstolz ist wieder erwacht. Das Wir-Gefühl ist wieder da. Wir haben gewonnen. Wir sind Pokal. Wir haben es immer gewusst. Jogi kennt den Weg. Jogi führt uns zum Titel. Jogi führt uns zum Pott. Wir sind Pokal.

Weltmeister als päpstliche Ablösung
Ein ganzes Land brach schon früher mal in absoluten Nationalstolz aus. Es endete alles im Elend. Dann, als ein gewisser Joseph Ratzinger am 20. April 2005 vom Kardinal zum Papst ‚befördert‘ wurde, brach der Jubel wieder aus. Endlich. Das Wir-Gefühl kehrte zurück. Wir sind Papst. Wie schnell identifizieren wir uns doch gerne mit den Sieg- und Erfolgreichen. Wir sind Kanzler. Wir sind Preussen. Wir sind Schumacher. Wir sind BMW.

Von wegen. Wir sind nicht BER. Wir distanzieren uns vom neuen Berliner-Flughafen "Willy Brandt/Berlin Brandenburg". Wir sind die Erfolgreichen. Wir gehören nicht zu jenen, die einen neuen Flughafen planten und diesen in den Sand setzten. Deutsche Gründlichkeit? Um mehrere Jahre gescheitert und frisch geplant auf frühestens 2017 soll die Eröffnung nun erfolgten. Die Kosten von 1,7 Milliarden Euro sind exorbitant gestiegen, explodiert und werden wohl 5,4 Milliarden betragen. Wir waren das nicht. Wir sind die Erfolgreichen. Die Anderen haben versagt.

Erst Frankreich, dann Russland
Wir sind bereit für neue Taten. Wir folgen unserem Führer Jogi. Das nächste Grossereignis steht vor der Tür. Wir marschieren nach Frankreich, wo die Europameisterschaft stattfindet (2016) und wir marschieren weiter. Nach Russland, wo 2018 die nächste WM ausgetragen wird. Irgendwie kommt einem das bekannt vor. Ein Déjà-vu? Wir hoffen nicht. Der griechische Radiosender Sport-fm rüttelte auf: "Die Deutschen – Eroberer der Neuen Welt". Neue Welt? Das würde dann wohl heissen, dass die alte Welt mal kaputt ging.

Moderne Piraten auf Goldsuche
Siege – und Niederlagen – im Sport gibt es wie im Leben immer beide Seiten. Ein ‚Zwischending‘ ist nicht möglich. Entweder – Oder. Die einen Jubeln, die anderen jammern, schluchzend, sind schwer enttäuscht und am Boden zerstört. In Argentinien ist nach der Finalniederlage gegen Deutschland fast Staatstrauer aus gebrochen, quasi transferiert über die Grenze von Brasilien gen Süden. Hunderte haben in Buenos Aires nach der Niederlage randaliert. Wutausbrüche, Zerstörungshass. Schachbeschädigungen. Frustbewältigung. Des einen Leid – des andern Freud.

Die Deutschen wurden in ihrer Heimat freudig empfangen. Endlich. Unsere Helden sind zurück. Wir sind Pokal. Was für eine Geschichte. Die Gebrüder Grimm hätten ihre Freude. Jogi schreibt ein neues Kapitel. Ausgezogen wie moderne Seefahrer. Freibeuter. Moderne Piraten auf der Suche nach Gold, gefunden in Rio. Jeder der Siegreichen wollte ihn in der eigenen Hand halten. Küssen, liebkosen, ihn, den 36.8 Zentimeter kleinen oder grossen (Ansichtssache) und 6175 Gramm schweren Pokal. Jene Trophäe, um die es schliesslich ging und jene, die knappe 4900 Gramm 18karätiges Gold verkörpert. Was für ein Ding. Dafür haben wir vier Jahre geschuftet. Wir sind Pokal.

Heinz Minder (61), berichtet seit über 35 Jahren aus dem Amateurfussball mit Schwerpunkt Region Zürcher Oberland und Winterthur und im gleichen Zeitraum über Regional-Eishockey (Zürcher Oberland). Arbeitet hauptberuflich als Luftfracht-Agent in Logistikunternehmen und ist zuständig für Formel-1-Überseetransporte.

Letzte Änderung am Samstag, 13 Oktober 2018 11:04

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