Ausdauer, Kraft oder ein Mix?

Ausdauer, Kraft oder ein Mix?


  • Sokies Analyse
  • 02.02.2016
  • 19:34

Der frühere Profi und heutige Trainer Sokol Maliqi berichtet exklusiv für regional-fussball.ch. Im ersten Beitrag des neues Jahres wirft er einen Blick auf die Wintervorbereitung zur zweiten Saisonhälfte.

Der Volksmund sagt, eine gute Vorbereitung ist die halbe Miete. So auch im Fussball. Ich gebe Jürg Stücheli recht, seit diesem Winter bei Interregio-Club FC Sirnach in Amt, wenn er sagt: "Ich übernehme lieber ein Team in der Winterpause wegen der langen Vorbereitungszeit, um das Team besser kennenzulernen“.

Die Hypothek Tabellensituation
Jedoch ist ein Trainerwechsel im Winter meistens mit einer Hypothek in Sachen Tabellensituation verbunden. Dann ist es mir lieber, mit einem neuen Team im Sommer ohne Altlasten zu starten, zumal dann wetterbedingt taktisch und technisch besser gearbeitet werden kann. Dennoch ist die Wintervorbereitung in der Schweiz vom Profifussball bis in den Amateurbereich von grösserer Bedeutung als diese im Sommer.

Erstens ist mehr Zeit vorhanden. Zweitens sind weniger Spieler in den Ferien, gerade im Amateurbereich. Drittens zwingt das Wetter oder die unzureichende Infrastruktur, je nach Betrachtungsweise, Trainer zu Experimenten und Innovationen. Nicht zu vergessen das jährliche Highlight – das Trainingslager, in welchem vor allem am Kit der Mannschaft gefeilt werden kann.

Einen enormen wichtigen Teil im Fussball (47%) hat die physiologische Leistungsfähigkeit. Die Basis dafür wird in der Schweiz im Winter geschaffen. Doch wo legt man den Fokus? Auf die Ausdauer, auf die Kraft oder gar einem Mix von beidem?

Aus eigener Spielererfahrung weiss ich, dass sich der Grossteil der Trainer den Kopf darüber zerbricht, wie man sein Team am besten und rasch fit kriegt. Dann werden viele Kilometer abgespult. Ich habe in meinen drei letzten Vorbereitungen interessante Erfahrungen gemacht.

In meiner ersten Saison mit dem FC Schwamendingen habe ich sowohl im läuferischen wie auch im Kraftausdauer-Bereich gearbeitet. Ich wählte also den Mix mit der Feststellung, dass wir gegen Ende Rückrunde konditionell die Pace nicht mehr halten konnten.

Traininieren wie Nahkampfsoldaten
Beim FC Dübendorf konzentrierte ich mich im primären Wintertraining nur auf die Komponente Kraft durch eigenes Körpergewichttraining. Ich wählte Übungen aus einem Buch aus, welches für amerikanische Nahkampfsoldaten konzipiert wurde. Diese müssen schnell, stark und trotzdem beweglich sein, springen und sprinten können, und zu guter Letzt sich auch in einem Nahkampf zu behaupten vermögen. Starke Eigenschaften, um auch im Fussball erfolgreich zu sein.

Mit dieser Art Training verbessert sich der Stoffwechsel und die Koordination, somit mit der Zeit auch die Technik und die allgemeine Gesundheit. Das Gute ist, es müssen keine Gewichte gestemmt und unnötiges Muskelvolumen antrainiert werden. Wichtig ist, die Muskeln mit verschiedenen Übungen, Winkeln, Wiederholungen oder Art der Bewegung auf möglichst viele Situationen vorzubereiten. Mit der Zeit fühlt man sich dynamischer, spritziger und stärker, was wiederum gut für das Selbstvertrauen ist.

Starke Zweikampfwerte in der Gefahrenzone
Meine Beobachtungen ergaben, dass wir keine Verletzungen ohne gegnerische Einwirkung hatten. Weiter gewannen wir viele Spiele auch knapp, weil wir keine Tore zuliessen. Dies war auf die starken Zweikampfwerte in der Gefahrenzone zurückzuführen.

In meiner letzten Saison setzte ich auf vorwiegend läuferische Grundlagen. Fazit: wir waren fit und konnten 100 Minuten laufen, aber gleichzeitig war die Koordination zwischen den Befehlen aus dem Hirn und der Ausführung mit den Beinen nicht mehr so einwandfrei wie zuvor. Kurz gesagt: die Motorik war nicht mehr die Gleiche. Wer in den Zweikämpfen die Durchschlagskraft und die Geschicklichkeit vermissen lässt, der gewinnt in der Regel auch keine Spiele.

Nichtsdestotrotz geht im Fussball ohne Ausdauer nichts und dennoch ist sie als isolierte Eigenschaft nicht viel Wert. Eine hohe Intensität im Fussballtraining in den Spielformen bringt die Ausdauer automatisch mit sich. So kann ich nur die Empfehlung geben, sich vor allem auf die Kraftausdauer zu konzentrieren.

Das Training unter Uli Forte
Als ich noch in Wil spielte, haben wir unter Uli Forte ebenfalls hart im Kraftbereich trainiert. Dieser hatte sich von Christian Gross inspirieren lassen. Wir erinnern uns, dass die grossen Teams vom ehemaligen Basel-Trainer immer von körperlicher Dominanz geprägt waren. Die hohe Schule ist dann seinem Team noch das nötige Tempo (Basis ist Kraft) und eine feine spielerische Klinge zu verpassen. In diesem Sinne wünsche ich allen Trainer viel Spass beim Experimentieren, denn ohne Risiko kein Gewinn!

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Der in Zürich-Schwamendingen aufgewachsene Sokol Maliqi (34) spielte als Fussballprofi u.a. beim FC Luzern, APEP Pitisilia (Zyp), FC Vaduz und FC Wil. Als Trainer war er die letzten Jahre für den FC Schwamendingen und FC Dübendorf tätig.

Letzte Änderung am Mittwoch, 17 Januar 2018 20:02

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