Was bringt ein Trainingslager wirklich?

Was bringt ein Trainingslager wirklich?


  • Sokies Analyse
  • 09.03.2016
  • 07:48

Der frühere Profi und heutige Trainer Sokol Maliqi berichtet exklusiv für regional-fussball.ch. Im zweiten Beitrag des neues Jahres nimmt er das Trainingslager unter die Lupe.

Das Trainingslager ist für mich ein grosses Thema und hat einen enormen Mehrwert, der nicht zu unterschätzen ist. Vorausgesetzt, man nutzt die sich bietenden Möglichkeiten optimal. Nun was bringt ein Trainingslager wirklich?

Die Trainer freuen sich ausgiebig auf diese Woche, da sie in ihren vielen Trainings verschiedene Ideen ausprobieren und die Gruppe zusammenschweissen können. Die Spieler freuen sich mindestens genau so fest. Eine Woche lang unter gutem Wetter im Ausland seinem Hobby nachgehen. Dafür leistet der Spieler je nach Klubphilosophie einen finanziellen Beitrag und opfert mit Sicherheit eine Woche seines Ferienkontingents. Als Gegenleistung will er in dieser Woche Spass haben und auch etwas vom jeweiligen Land sehen. Und es sollte abends auch mal Platz für den Ausgang mit dem Teamkollegen haben.

Unannehmlichkeiten können zum Stimmungstöter werden
Der Trainer hat wiederum andere Absichten. Ihm ist es wichtig, ein gutes Training zu gewährleisten, schliesslich zahlt auch der Klub seinen Anteil. In erster Linie wird der Verein repräsentiert und die Leitenden haben eine grosse Verantwortung. Gewisse Spieler sind aufgrund ihres Alters beispielweise noch nicht so gefestigt in ihrem Leben, deshalb können Unannehmlichkeiten aus Leichtsinn oder aus einem nicht intelligenten Verhalten schnell zum Stimmungstöter werden.

Als Trainer sind verschiedene Aspekte von zentraler Bedeutung. Zuerst müssen gute Voraussetzungen geschaffen werden. Der Zeitpunkt muss stimmen, idealerweise zwei Wochen vor Meisterschaftsstart. So bleibt noch eine Woche zur Normalisierung und die Gruppe kann für den Meisterschaftsstart die neue und hoffentlich positive Atmosphäre für einen gelungenen Saisonstart nutzen. Bereits austrainiert sollten die Spieler ins Trainingslager reisen. So kann man nochmals körperlich an die Grenzen gehen und taktisch sehr detailliert arbeiten. Es ist mir bewusst, dass es nicht realitätsnah ist, das gesamte Kader mit an Bord zu haben. Dennoch ist es mit dem Teamgeist auch während dem Jahr zum Besten bestellt, dann wollen ohnehin alle mit dabei sein.

Auftreten als Team
Ganz wichtig scheint mir das Auftreten als Team zu sein. Sei es am Flughafen, im Training, im Spiel, im Hotel oder auch in der Freizeit. Man hält zusammen und stellt sicher, dass sich alle wohlfühlen, dass alle ihren Platz haben und dass sämtliche Mitglieder den Klub anständig vertreten. Die Disziplin ist dementsprechend unabdingbar, ja gar nicht verhandelbar. Die Kleiderordnung wird eingehalten genauso wie die jeweils vereinbarten Zeiten. Hier kann ein chinesisches Sprichwort durchaus gut angewendet werden: Sprich weich, handle hart! Dazu möchte der Übungsleiter ein absolutes Engagement im Training sehen.

Können all diese Bedingungen miteinander verbunden werden, dann lässt sich auch mit dem Chef über einen gewissen Freiraum verhandeln, z.B. über eine für alle Beteiligten stimmige Nachtruhe oder Frühstückszeit. Dass die Regeneration aufgrund der ungewohnt höheren Belastung sehr wichtig ist, versteht sich von selbst. Sich kurz vor Meisterschaftsstart nach einer langen Vorbereitung muskulär zu verletzen, wäre für alle Beteiligten äusserst ärgerlich. Mit dem Vermitteln der Sinngebung appelliert der Trainer an die Eigenverantwortung der Akteure.

Ich habe als Trainer den Anspruch, die Spieler nicht nur fussballerisch, sondern auch menschlich weiterzuentwickeln. In einer gemeinsam zu verbringenden Woche kann ich als Trainer sie viel besser kennenlernen. Man kann seine eigene Beobachtungsgabe intensivieren. Schaut man genau hin, kann man viele Informationen abgewinnen. Die Erholungszeiten sind zwingend für Einzelgespräche zu nutzen. Weiter sollte am Abend jeweils eine Tagesbesprechung stattfinden. Die Trainings können nochmals erklärt werden bzw. welche Absichten dahinter stecken.

Arbeiten in Gruppen
Zusätzlich liess ich die Spieler beim FC Dübendorf in Gruppen an einem Thema arbeiten. Als Beispiel: Was ist wichtig für die Vorbereitung zu einem Meisterschaftsspiel? Als Gruppenchef wurde ein Spieler bestimmt, der ohnehin in der Kommunikation Luft nach oben hatte. Es war ihnen freigestellt, wie sich organisieren, wie sie die Arbeit aufteilen und wer am Ende das Thema vor versammelter Mannschaft präsentiert. So konnte ich weitere Erkenntnisse gewinnen und die Spieler mit den von mir gewählten Themen steuern. Letztendlich waren meine Ideen einfacher umsetzen, weil die Verbesserungsvorschläge von den Akteuren selbst kamen.

Vom Trainingsinhalt her kann vor allem im taktischen Bereich gearbeitet werden. Speziell in defensiven und offensiven Gruppen ist eine gute Performance zu erreichen. Man ist nicht minder schlecht beraten, auch die Standardsituationen zu überdenken und neue Varianten einzustudieren. Abwechslung und viele Spielformen sollen die Trainings komplementieren. Das einzige Trainingsspiel setze ich jeweils am Ende der Woche, möglichst gegen einen übermächtigen Gegner, weil die müden Beine in diesem Fall keine Rolle mehr spielen. Der Stolz des Spielers ist gefragt.

Das Abenteuer ist mit einem gemeinsamen Essen in einer schönen Ambiente mit anschliessendem Ausgang optimal abgerundet. Zu guter Letzt möchte ich gerne untermauern, dass der Trainer, die Spieler immer für seine Vorhaben gewinnen muss, nicht anders im Trainingslager. Egal um was es geht, die Generation Y (Why? Ab 1981) möchte immer den Sinn der Sache verstehen. Viel Erfolg!

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Der in Zürich-Schwamendingen aufgewachsene Sokol Maliqi (34) spielte als Fussballprofi u.a. beim FC Luzern, APEP Pitisilia (Zyp), FC Vaduz und FC Wil. Als Trainer war er die letzten Jahre für den FC Schwamendingen und FC Dübendorf tätig.

Letzte Änderung am Mittwoch, 17 Januar 2018 20:02

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