Lasst eurer Kreativität freien Lauf

Lasst eurer Kreativität freien Lauf


  • Sokies Analyse
  • 05.07.2016
  • 07:58

Der frühere Profi und heutige Trainer Sokol Maliqi berichtet exklusiv für regional-fussball.ch. In seinem neuesten Beitrag widmet er sich der Taktik. Für ihn ist dabei klar: Es braucht wieder mehr Dribbler und Techniker.

Liebe Leser, 



gerne melde ich mich auf regional-fussball.ch wieder zurück, notabene nach einer etwas intensiven Zeit mit Vorarbeiten rund um den Umbruch beim 2.-Ligisten FC Gossau, dessen erste Mannschaft ich in der nächsten Saison trainieren darf.




Heute widme ich mich dem Thema Taktik, da diese an der EM bei allen Mannschaften eine derart grosse Rolle spielt wie niemals zuvor. Auffällig ist, dass viele Teams aus einer stark gesicherten Defensive agieren.



Der Trend besagt: Mit Mann und Maus verteidigen, sehr tief stehen, jeden Zweikampf mit unglaublicher Hingabe bestreiten und dann entweder schnell kontern oder manchmal auch auf den lieben Gott hoffen, wie z.B. über eine einstudierte Standardsituation zum Erfolg zu kommen. 



Ohne ein Team zu sein, geht es nicht
Gehen Teams, die diese Taktik verfolgen, auch noch in Führung, dann sehen sie sich in ihrem Tun bestätigt und dies erhöht wiederum die Motivation, das Ergebnis halten zu wollen. Eines ist aber nach wie vor gleich: Ohne ein Team zu sein, geht es nicht. Und trotzdem braucht es Extraklasse, um ganz nach vorne zu kommen (Bale, Ronaldo, Griezmann, Neuer). Um diese Taktik zu unterstützen, spielen teilweise auch gelernte Aussenverteidiger auf den Aussenpositionen im Mittelfeld (Albanien). Weil alle Teams heutzutage sehr gut organisiert sind, ist es ohnehin sehr schwierig, Spiele zu gewinnen. Die Tagesform, ein intelligente und eingeübte offensive Taktik oder eben die Ausnahmekönner machen oftmals den Unterschied aus.



Weiter ist zu beobachten, dass die Spieler unglaublich fit sind und dies teilweise nach sehr langen Saisons. Alle 3-4 Tage auf diesem Niveau die Pace zu halten, verdient grossen Respekt. Dennoch können nicht alle Zonen in der eigenen Hälfte abgedeckt werden. 



Sozialkompetenz und taktisches Verständnis gefragt
Und da spielen die Torhüter eine entscheidende Rolle. Das Defensiv-Konzept würde nicht aufgehen, wenn deren Leistungen nicht konstant gut wären. Konzentration und eine starke Präsenz der Torhüter verleihen einer Verteidigung Sicherheit und Stabilität. Um die Philosophie gänzlich abzurunden, sind Trainer mit hoher Sozialkompetenz und grossem taktischem Verständnis gefragt. Sie können ihren Teams ein Matchplan mitgeben und sie auch stark reden.



Ein gesunder Nationalstolz kann dabei gute Dienste leisten, selbst wenn der Trainer aus einem anderen Land stammt. Immer das Gute in einer Sache zu suchen oder in den Spieler zu sehen, ist eine lernbare Einstellung. Diese beschriebene defensive Formel kann während einer EM sehr gut umgesetzt werden. Die Idee über eine ganze Saison hinweg zu praktizieren, wird eher schwierig, weil es enorm kräfteraubend ist. Da gibt es ganz wenige erfolgreiche europäische Beispiele wie z.B. der FC Ingolstadt 04. 



Wieder mehr Dribbler und Techniker ausbilden
Doch wie sieht das "Gegenmittel" gegen diese Taktik aus? Wir Trainer müssen wieder mehr Dribbler und Techniker ausbilden. Spieler, die Überzahlsituationen auf engstem Raum schaffen können. Spieler, die Fouls und Karten mit ihrem spielerischen Können provozieren können. Ein schnelles Kombinationsspiel mit vielen Positionswechseln und mit höchstens zwei Ballkontakten. Um für Überraschungen zu sorgen, ist dies aus meiner Sicht das erfolgsversprechendste Vorgehen. 



Generell müssen die Akteure in einer offensiven Aktion harmonieren. 3-4 Spieler müssen in Sekundenbruchteilen dieselbe Idee haben, müssen die freien Räume angreifen und die Stärke der Pässe der Distanz entsprechend und der Schnelligkeit des Empfängers angepasst sein. 



Um ein Spiel mit derart vielen Torabschlüssen wie Deutschland gegen Nordirland hinzulegen, verlangt gerade im Breitenfussball harte Arbeit über mehrere Monate. Eine weitere Variante besteht darin, zu versuchen, den Gegner müde zu spielen, wie es Spanien gegen Tschechien getan hat. Irgendwann werden sich Lücken auftun.



Doch diese Taktik scheint mir etwas in die Jahre gekommen, beziehungsweise von anderen Spielideen überholt. Zudem hatte Spanien früher ein starkes Pressing analog dem FC Barcelona ausgeübt. So kann das Tempo ständig hochgehalten werden und es finden viel mehr Balleroberungen statt. Zu Guter Letzt können früh gefallene Tore aus Standardsituationen (Freistösse, Eckbälle), wie es der Schweiz gegen Albanien gelang, helfen, dass der Underdog das Spiel offener gestalten muss. 



Was bedeutet das für den Breitenfussball? Nun, der Fan oder der Zuschauer geht ins Stadion um unterhalten zu werden. Er will offensive Aktionen und schliesslich Tore sehen. Im Angriff variabel zu spielen, wie es die deutsche Nationalmannschaft demonstriert, ist weitaus schwieriger zu trainieren und erfordert Spieler mit starker technischer Qualität. 



Taktik trainieren ist langweilig - aber effizient
Um das im Amateurfussball mit maximal 3 Trainings ansatzweise umsetzen zu können, bedeutet es vor allem eines: Taktik trainieren ist fürchterlich langweilig und gleichzeitig enorm effizient. Vor allem defensiv die Verschiebungswege (Forechecking oder Pressing) zu lernen, verlangt eine gewisse Humorlosigkeit und muss wiederholt auf die Gegner angepasst werden. Offensive Laufwege verbunden mit vielen Postionswechseln einzustudieren, ist da weitaus spannender.



Zuerst entscheidet man sich als Trainer, ob man agieren oder lieber reagieren will. Je nach Kader und Einstellung des Trainers kann das variieren. Je nach Gegner und Ausgangslage kann beides zum Erfolg führen. Aufgrund der wenigen Trainings empfehle ich, auf eine Philosophie zu setzen. 



Ein paar Schwerpunkte setzen
Danach muss der Grossteil der Trainings in Korrelation zu dieser Philosophie stehen. Manchmal sind auch stille Massnahmen, ohne dass es die Spieler merken, methodisch sinnvoll. Mein Tipp: Versuche als Trainer in Taktikübungen 6-7 Schwerpunkte zu kombinieren, z.B. Bewegung ohne Ball, Passgenauigkeit, Rhythmuswechsel, Kommunikation etc., jedoch empfehle ich, sich höchstens auf drei Coachingthemen nachhaltig über einen längeren Zeitraum zu fokussieren. Wichtig ist, dass man auch die Standardsituationen trainiert. 



Lasst eurer Kreativität freien Lauf wie z. B. "Coleman" von Wales. Er motivierte seine Spieler gegen Belgien vor dem Corner wie in einem Supermarkt in der Schlange zu stehen, damit sie nicht eng gedeckt werden können. Danach schwärmten alle aus und prompt schiesst einer dieser Spieler ein sehr wichtiges Tor. Ab und zu sollte man sich eben für neue Wege entscheiden, selbst wenn man scheitert ganz nach dem Motto: If you never try, you will never know.

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Der in Zürich-Schwamendingen aufgewachsene Sokol Maliqi (34) spielte als Fussballprofi u.a. beim FC Luzern, APEP Pitisilia (Zyp), FC Vaduz und FC Wil. Als Trainer war er die letzten Jahre für den FC Schwamendingen und FC Dübendorf tätig. Ab der kommenden Saison wirkt Maliqi beim FC Gossau ZH.

Letzte Änderung am Mittwoch, 17 Januar 2018 20:01

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