"GC ist kein Einzelfall, sondern nur die Spitze des Eisbergs"

"GC ist kein Einzelfall, sondern nur die Spitze des Eisbergs"


  • Sokies Analyse
  • 15.03.2019
  • 01:20

Der sogenannte Trainer-Bestechungsskandal in der Nachwuchsabteilung von GC wirft hohe Wellen. Sokol Maliqi haben die Ereignisse nachdenklich gemacht – dabei erinnert er sich unser Analyst auch an seine eigene Jugendzeit beim Zürcher Vorzeigeverein.

Einzelsportarten und vor allem Teamsportarten wie Fussball, Handball oder Eishockey erfüllen sehr wichtige gesellschaftlichen Aufgaben. Bereits im Kindsalter lernt man sich in Teams zu integrieren, Regeln zu respektieren und sich fair in einer Gesellschaft zu verhalten. Die Kinder gehen einer Sportart nach, die ihnen Spass macht, weil man auch Freundschaften fürs Lebenfindet.

Und wenn man gut genug ist, werden Träume einer Karriere geweckt. Doch nur sehr wenige schaffen den Sprung in den Profi-Fussball, der Grossteil landet wieder im Breitenfussball oder allenfalls im bezahlten Amateurfussball.

Ich zum Beispiel bin im Nachhinein sehr dankbar, hatte ich als Junior eine geregelte Freizeit in Form eines Fussballteams, zuerst beim FC Schwamendingen, dann beim Grasshopper Club Zürich. So hatte ich fast keine Zeit und auch keine Gelegenheiten, um meine Zeit sinnlos zu vertreiben oder vor lauter Langeweile auf dumme Gedanken zu kommen.

Viele werden sagen, das war doch eine ganz andere Zeit ohne digitale Gefahren und mit viel weniger Möglichkeiten für die Jugendlichen. Dies ist natürlich so und nicht ganz von der Hand zu weisen. Die besorgniserregende Berichterstattung über Fussballtrainer, die Zahlungen von Eltern entgegennehmen, um deren Kinder Vorteile zu versprechen, bringen viele Menschen, die den Fussball lieben, zum traurigen Nachdenken.

Hoch kommende Erinnerungen
Gerade beim Nachdenken, kamen mir alte Erinnerungen hoch. Gut möglich, dass unmoralische Zahlungen von Eltern an Trainer schon in den 90er Jahren getätigt wurden, als ich selbst noch Junior war. Gewissen sehr talentierten Spielern und dessen Eltern war es immer suspekt, warum qualitativ überschaubare Spieler ohne Leistungsexplosion schlagartig bevorzugt wurden, z.B. für höhere Teams von der U-18 in die U-21. Teilweise wurden sie für Regionalauswahlen und U-Nationalmannschaften empfohlen.

GC ist bestimmt kein Einzelfall in der Schweiz, sondern nur die Spitze des Eisbergs, da bin ich überzeugt. Eltern, die solche Zahlungen leisten, natürlich auch von talentierten Spielern, verkaufen ihre Seelen und anscheinend manchmal auch ihren Körper. Und sie schaden massiv vor allem ihrem Kind, weil es nicht lernt, sich mit fairen Mitteln durchzusetzen. Wirtschaftlich gesehen, macht so eine Nachhelfe-Investition auch wenig Sinn. Denn Qualität setzt sich früher oder später immer durch.

Wir Trainer tragen eine hohe Verantwortung für unser Tun, egal auf welcher Altersstufe oder auf welchem Niveau. Kein Trainer der Welt, macht alles richtig und hat bestimmt irgendwo seine Schwächen. Oftmals geht es im Leben darum, nicht Antworten zu geben, sondern die richtigen Fragen zu stellen.

Die richtigen Fragen stellen
Wie kann verhindert werden, dass Trainer sich schmieren lassen? Wie haben sich Eltern korrekterweise zu verhalten?
Was sind die Gründe, dass ein 10-Jähriger vor den Augen seiner Eltern mehrmals angebrüllt wird, weil er soeben einen Fehlpass gespielt hat?
Weshalb stellt ein E-Juniorentrainer nur die Besten auf oder belohnt sie mit längerer Spielzeit?
Kann in diesem Alter schon eruiert werden, wer es einst in den Profifussball schafft und wer nicht?
Was ist mit den anderen Kindern, die wegen den obenerwähnten gesellschaftlichen Interessen in einem Fussballverein sind? Kommen die auf ihre Kosten?
Wie kommt ein Trainer im Frauenfussball auf die Idee, 90 Minuten lang Standardsituationen bei 2 Grad zu trainieren?
Sollten somit die Vereine über die Bücher gehen und ihre eigenen Trainer überprüfen? Wenn nötig auch auf Druck des Verbandes?
Verstehen sie ihre Aufgabe korrekt und handeln sie nach bestem Wissen und Gewissen? Oder gibt es Unregelmässigkeiten?
Müssten nebst der strafrechtlichen Verfolgung die korrupten Trainer und Funktionäre nicht lebenslänglich aus dem Verkehr gezogen werden?

Fragen über Fragen. Doch wir Liebhaber des Fussballs müssen aufpassen, dass sich seriöse Eltern, tolle Fans, wichtige Investoren, wertvolle Ehrenamtliche, lachende Kinder und viele gute Trainer nicht von der Sportart Fussball abwenden.

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Der in Zürich-Schwamendingen aufgewachsene Sokol Maliqi (37) spielte als Fussballprofi u.a. beim FC Luzern, APEP Pitisilia (Zyp), FC Vaduz und FC Wil. Als Trainer war er die letzten Jahre für den FC Schwamendingen, FC Dübendorf und FC Gossau ZH tätig. Seit der Rückrunde der Saison 2017/18 betreut Maliqi den Interregio-Klub Uzwil.

Letzte Änderung am Freitag, 15 März 2019 01:20

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